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Die Idee

Neu hier? Es geht um Bücher, die eines gemeinsam haben: sie sind mindestens ein Jahr alt; oft sind aber auch schon zehn oder hundert Jahre seit ihrem ersten Erscheinen vergangen. Das Ziel ist nicht, eine Neuerscheinung zuerst zu besprechen - am besten noch, bevor sie in den Buchhandlungen zu haben ist. Hier wird später gelesen. weiter... 

     

Die Bücher

Michael Ignatieff: Die Lichter auf der Brücke eines sinkenden Schiffs 

unter dem englischen Originaltitel "Scar Tissue"  erstmals 1993 erschienen (Chattoo & Windus, London)

in deutscher Übersetzung  (Werner Schmitz) erstmals erschienen 1995 (Insel Verlag)

als Taschenbuch erhältlich seit 1998 (Suhrkamp) 

Demenzerkrankungen haben aufgrund der demografischen Entwicklung eine derartige Verbreitung gefunden, dass sich heute kaum noch jemand findet, der nicht von einschlägigen Erfahrungen in der eigenen Familie oder doch wenigstens im Freundes- und Bekanntenkreis berichten könnte.

Als erste literarische Beschreibung eines Demenzkranken gilt König Lear. Inzwischen ist das Thema in der Unterhaltungsliteratur angekommen. "Mein Sohn hat ein Sexleben und ich lese meiner Mutter Rotkäppchen vor" - unter diesem mehrzeiligen Titel legt Renate Dorrestein die manchmal bemüht komische, aber durchaus lesenswerte Beschreibung einer solchen Erkrankung aus der Sicht einer Angehörigen der sogenannten "Sandwich-Generation" vor. Aufgerieben zwischen den Anforderungen des lebenshungrigen Nachwuchses und der dem Leben entschwindenden Mutter reicht die Kraft dann aber doch noch, der Sache ihre satirischen Aspekte abzugewinnen.

Auf halber Strecke zwischen Shakespeare und der Rotkäppchen-Variante darf der 1993 erschienene Roman "Die Lichter auf der Brücke des sinkenden Schiffs" angesiedelt werden. Michael Ignatieff, kanadischer Autor, Journalist, Historiker und derzeit vor allem Politiker, beschreibt aus der Sicht eines Sohnes die Jahre, in denen seine Mutter an der Alzheimer-Krankheit litt und schließlich verstarb. 

Das Buch beginnt mit der Schilderung der quälenden letzten Stunden im Leben dieser Frau und dem darauffolgenden Entschluss des Sohnes, dieser belastenden Erinnerung das Gedenken an die davorliegenden Lebensjahre und -jahrzehnte entgegenzustellen. Und vor allem wird nach dem Augenblick oder wohl eher der Zeitspanne gesucht, während derer sich der bevorstehende Weg in die Krankheit erstmals angekündigt hat.

Jeder, der diesen Krankheitsverlauf einmal aus der Nähe erlebt hat, wird sich an eigene Beobachtungen und Erfahrungen erinnern: die ersten, fast unmerklichen und erst im Nachhinein auf die Erkrankung hin gedeuteten Anzeichen. Die Mutter hört auf, ihren geliebten Hobbys nachzugehen. Sie beginnt, außerhäusige und offizielle, irgendwann auch familiäre Zusammenkünfte zu meiden. Die Unbefangenheit und Selbstverständlichkeit der Eltern im Umgang miteinander weicht einer zunehmenden Anspannung, die sich immer häufiger in scheinbar grundlosen Auseinandersetzungen entlädt.

Das, was von Lesern, die an authentischen Erfahrungen interessiert sind, als großer Vorzug gewertet werden dürfte, nämlich die vermutetermaßen autobiografische Nähe des Autors zu seinem Sujet, gereicht diesem Buch sowohl zum Vor- wie zum Nachteil. In den Passagen, die den zunächst nicht als solchen erkannten, dann aber erschreckend dramatischen Krankheitsverlauf aufzeichnen, ist eine aus eigenem Erleben gespeiste Kenntnis zu spüren. In denjenigen Teilen des Buches, in denen - besonders gegen Ende des Textes - der Erzähler versucht, seine Erlebniswelt zu verarbeiten und hilfreiche, vielleicht philosophische Einsichten zu gewinnen, stellt die fehlende Distanz zum Geschehen allerdings einen spürbaren Mangel dar.

Die Einordnung der persönlichen Verlusterfahrung in das, was doch eigentlich eine Grundtatsache des Lebens ist, bleibt völlig aus. Nahezu jedem wird es irgendwann abverlangt, den Tod geliebter Menschen zu akzeptieren. Der eigene frühe Tod wäre die einzige, wenig erfreuliche Methode, diesem Zwang zu entkommen. Der Erzähler blendet dieses rationale Element nicht nur im Augenblick der ersten Trauer, sondern weit darüber hinaus so vollständig aus, dass es schwer erträglich ist. Dennoch: weite Passagen des Buch entschädigen für diese Schwäche. 

 

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Ulrich Woelk: Einstein on the lake 

als Taschenbuch-Originalausgabe (dtv premium) erschienen 2005 

Der Sommer ist nun unweigerlich zu Ende. Demjenigen, der ihn sich lesend doch noch ein wenig verlängern möchte, könnte man »Einstein on the lake« empfehlen, eine Novelle, die der Autor selbst im Untertitel eine Sommer-Erzählung nennt.

Anselm Stöckl, ein erfolgreicher, aber deshalb in seinem Beruf doch nicht glücklicher Berliner Anwalt, hat eine fixe Idee: in den ersten Nach-Wende-Jahren will er auf den Grund des Templiner Sees in Brandenburg tauchen, weil er der festen Überzeugung ist, Albert Einstein habe dort kurz vor seiner Emigration eine Kiste mit geheimen Unterlagen versenkt.

Die anwaltliche Beschäftigung mit Rückübertragungsansprüchen hat Anselm zu der Überzeugung gebracht, dass man die Geschichte der DDR am besten versteht, wenn man das ganze Land als eine Zusammenballung juristischer Absurditäten betrachtet. Zur Aufbereitung dieses Chaos sind Gesetze verabschiedet worden, die schon durch ihre Namen erahnen lassen, wie hoffnungslos verfahren die Sache ist: Hemmnissebeseitigungsgesetz, Registerverfahrens­beschleunigungsgesetz, Sachenrechtsbereinigungsgesetz. Aber eines der interessanten Verfahren in diesem trostlosen Umfeld war für Anselm die Beschäftigung mit den verworrenen Eigentumswechseln des berühmten Einstein-Hauses in Caputh. Albert Einstein hat dieses Haus in der Nähe des Templiner Sees für einige Jahre bis zu seiner Emigration 1933 bewohnt.

Hier endet die historische Recherche und es beginnt der Roman: Anselm ist fest davon überzeugt, dass Einstein wichtige, wenn nicht weltbewegende Unterlagen, die er unmöglich in die USA mitnehmen konnte, im Templiner See versenkt hat. Und er, Anselm, wird sie wieder heraufholen. Diesem Vorhaben widmet er eine zweimonatige Auszeit aus seiner Kanzlei und es gelingt ihm, seinen Jugendfreund Bernhard zumindest so weit von der Sache zu überzeugen, dass dieser sich an der Unternehmung beteiligt. Bernhard ist Journalist und immer an einer guten Story interessiert und außerdem in sich selbst nicht recht eingestandener Liebe der Ehefrau von Anselm verbunden. Und auch diese Gesine ist mit von der Partie, wenn sich Anselm täglich aufs Neue von einem umgebauten Hausboot aus in die Tiefe stürzt.

Wie die Suche nach der Kiste ausgeht, soll nicht verraten werden. Aber es ist bestimmt zulässig, schon hier zu erwähnen, dass sich – während Anselm seine Tauchgänge absolviert – Bernhard und Gesine näherkommen. Zumindest in dieser Hinsicht beschreibt die Erzählung eine ziemlich vorhersehbare Entwicklung. Aber sie tut dies in anspielungsreichen und mit physikalischen Hinweisen gespickten Sätzen, die stets mehr als nur den Inhalt der Geschichte transportieren. Einstein, um den es im Titel des Buches und in der Vorstellungswelt des Protagonisten geht, ist ständig auch in seinen weniger bekannten Facetten präsent.

Der Autor Ulrich Woelk ist Astrophysiker und kann diese biografische Herkunft nicht verleugnen; das kenntnisreiche Jonglieren mit naturwissenschaftlichen Versatzstücken gehört ebenso zu seinem Handwerk wie die akkurate Beschreibung auch allerkleinster Details, die sich zum Beispiel in der durchdachten Innenausstattung des zum Basislager umfunktionierten Hausboots finden. Und doch führt dieses konkrete und genau Erzählen nicht etwa dazu, dass der Fortgang der Geschichte leidet. Sie entwickelt sich in genau dem Tempo, das man mit einem Sommer an und auf einem brandenburgischen See verbindet.

Die besonderen Bedingungen, die in den neuen Bundesländern in den ersten Jahren nach der deutschen Wiedervereinigung geherrscht haben, werden vermutlich dafür sorgen, dass diese an ihrem Ort und in ihrer Zeit verhaftete Erzählung in einigen Jahren nur noch mit Schwierigkeiten zu verstehen sein wird. Noch wirkt sie rundum gelungen.

   

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Louis Begley: Schmidt 

im englischen / amerikanischen Original (»About Schmidt«) erstmals erschienen 1996 (Knopf)

in deutscher Übersetzung (Christa Krüger) erschienen 1997 (Suhrkamp)

als Taschenbuch erhältlich seit 1999 (Suhrkamp TB)

Schmidt ist, nein: Schmidt war erfolgreicher Anwalt und Partner einer renommierten New Yorker Anwaltssozietät. Diesen Beruf hat er – gedrängt von den Kollegen und früher, als eigentlich geplant – an den Nagel gehängt, um seiner Frau in den letzten Monaten einer schweren und am Ende tödlichen Krankheit beizustehen. Und nun? Nun stellt Albert Schmidt fest, dass die Menschen, die er bisher für den gemeinsamen Bekanntenkreis gehalten hatte, allesamt doch wohl eher an gemeinsamen Unternehmungen mit Mary, seiner Frau, interessiert waren. Während er selbst noch im Berufsleben stand, ist es ihm offenbar nicht gelungen, sich den Menschen seines privaten Umfelds so angenehm zu machen, dass jetzt auch nur einer vor ihnen den Kontakt zu ihm sucht.

Selbst in seiner Beziehung zur gemeinsamen Tochter hat seine Frau eine entscheidende, vermittelnde Rolle gespielt und damit manchen Streit entschärft, der jetzt ungemildert über ihn und Charlotte hereinbricht. Als Schmidt dann noch erfährt, dass Charlotte ihren langjährigen Freund, den er zwar beruflich protegiert, aber im Grunde niemals ernstgenommen hat, heiraten will, scheint es, als wolle er endgültig dem Selbstmitleid anheimfallen.

Einige bange Seiten lang fürchtet der Leser, der diesen Schmidt trotz seiner unangenehmen Züge inzwischen ins Herz geschlossen hat, die Sache könnte ein schlimmes Ende nehmen. Vielen anderen Romanciers wäre das späte Glück, das Schmidt dann doch im weiteren Verlauf bei einer jungen puerto-ricanischen Kellnerin findet, zum kitschigen Happy End geraten. Aber Begley, dessen Bücher seit seinem späten literarischen Debut mit »Lügen in Zeiten des Krieges« eher von einem verhaltenen Grundton auch in dramatischen Phasen gekennzeichnet sind, bleibt bei einer sehr zurückgenommenen Erzählweise.

Wir lesen sehr unaufgeregte Beschreibungen der ersten Begegnungen und späterer Liebesnachmittage; wir erfahren, dass Schmidt durchaus darunter leidet, dass die Geliebte im Alter seiner Tochter nicht ganz frei ist. Sie fühlt sich verpflichtet, die Beziehung zu einem ebenfalls älteren Mann aufrechtzuerhalten, der ihr in schwierigen Zeiten zur Seite gestanden hat. So begnügt sich Schmidt mit dem Maß an Zuwendung, das sie ihm zu geben bereit ist, und findet darüber den Weg zurück in sein eigenes Leben. Ob Carrie darin eine Rolle spielen wird, bleibt offen.

Von der ersten Seite an macht Begley seine Leser mit der Gedankenwelt Schmidts vertraut. Wir erfahren, was er bei der Lektüre des Börsenteils seiner Zeitung über die Kurswerte seiner Geldanlagen und seine finanzielle Situation denkt, was er von der bevorstehenden Hochzeit seiner Tochter hält – auch wenn er vergeblich versucht, etwas gänzlich anderes zum Ausdruck zu bringen – und was er gedacht hat in den Minuten, nachdem die Ärzte ihm und seiner inzwischen verstorbenen Frau eröffnet hatten, dass sie nicht mehr lange zu leben haben werde. Der Leser ist also nicht nur ständiger Zuhörer der inneren Monologe, die Schmidt führt, sondern darüber hinaus vielleicht sogar besser mit den Gedanken des Protagonisten vertraut als dieser selbst. Der lakonische, aber niemals überhebliche Tonfall, den Begley dabei anschlägt, schafft Verständnis oder zumindest Akzeptanz auch für diejenigen Gedanken, die man bei abwägender Betrachtung als egoistisch und empörend bewerten müsste. Schmidt ist, wie er ist. Und seine Umwelt reagiert darauf mal abweisend, mal verständnisvoll. Aus der Beschreibung dieses Zusammentreffens einen interessanten Roman werden zu lassen, ist die Kunst von Louis Begley.

Abschließend noch ein paar Worte zu der erfolgreichen Verfilmung des Stoffs mit Jack Nicholson in der Titelrolle; trotz mancher Modifikation stellt der Film aus dem Jahr 2003 eine durchaus interessante Interpretation wenn auch nur der Grundidee des Romans dar. Der Film-Schmidt ist nicht erfolgreicher Anwalt aus der New Yorker Oberschicht, sondern ein wohl eher durchschnittlicher Versicherungsangestellter, der – auch nicht ganz freiwillig – in den Ruhestand geht, um mit seiner Frau die langersehnte USA-Rundreise zu unternehmen. Das dafür erworbene Wohnmobil steht schon in der Garageneinfahrt, als seine Frau in diesem Falle plötzlich und unerwartet das Zeitliche segnet. Also bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich allein auf den Weg zu machen. Allerdings wird diese Fahrt keine vorrangig touristische Unternehmung, denn Schmidt hat ein Ziel: er hat sich in den Kopf gesetzt, die angekündigte Heirat seiner Tochter mit einem erfolglosen Wasserbettenverkäufer zu verhindern. Ausgehend von dieser Konstellation gewinnt der Film Züge eines Roadmovies.

Auch für das Problem, die Gedankenwelt Schmidts offenzulegen, gibt es einen dem Medium Film angemessenen »Trick«: Schmidt übernimmt die Patenschaft für ein sechsjähriges Waisenkind in Tansania. Die an dieses Kind gerichteten Briefe sind ein eigentlich ziemlich durchsichtiger, aber hier doch leidlich überzeugender Kunstgriff, mithilfe dessen der Zuschauer erfährt, welche Lehren Schmidt aus seinen Erlebnissen zieht. Und auch dieser Film-Schmidt lernt, dass der Sinn seines Lebens nicht darin bestehen kann, das Leben anderer, insbesondere seiner Tochter, nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Die Grundfrage, wie man es schafft, sich nach einer langjährigen, durch den Tod des Partners beendeten Ehe neue Lebensziele zu setzen, bleibt auch hier bestimmend.

 

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Chang-rae Lee: Turbulenzen

im englischen / amerikanischen Orginal  (»Aloft«) erstmals erschienen 2004 (Riverhead)

in deutscher Übersetzung (Christa Schuenke) erschienen 2004 (Kiepenheuer & Witsch)

als Taschenbuch erhältlich seit 2006 (Fischer)

·        Jerome Battle, der Ich-Erzähler dieses dritten Romans des Amerikaners Chang-rae Lee, fühlt sich am wohlsten, wenn er in seiner Cessna Skyhawk, einem kleinen Propellerflugzeug,  seine Runden über Long Island dreht. Was anfängt wie der Bericht aus dem Leben eines Müßiggängers aus der New Yorker High Society, entpuppt sich schon nach wenigen Seiten als die Beschreibung einer mit durchaus irdischen Problemen beladenen Existenz: Jerome, der einer italienischen Einwandererfamilie entstammt, die in den USA einen zwar ansehnlichen, aber doch nicht atemberaubenden wirtschaftlichen Aufstieg erlebt hat, ist umgeben von Menschen, zu denen er eine rechte Beziehung nicht aufbauen oder nicht aufrechterhalten kann.

Jerome kam zum Fliegen, weil ihm seine frühere Lebensgefährtin Rita ein paar Flugstunden schenkte, als sie nicht länger dabei zusehen wollte, wie er, der sich soeben aus der Leitung des Familienbetriebes zurückgezogen hatte, angeödet vom Vormittagsprogramm des Fernsehens langsam, aber sicher eine ausgewachsene Depression entwickelte. Gleich nach seiner ersten Flugstunde ist er davon überzeugt, dass das Leben eigentlich nur »da oben« – so die wörtliche Übersetzung des Originaltitels des Romans – zu ertragen ist.

Jerome oder Jerry, wie er von den meisten genannt wird, bezeichnet sich selber ironisch als bettelarmen Besitzer eines Privatflugzeugs, denn im Unterschied zu seinen Altersgenossen, die sich – das Buch wurde einige Jahre vor dem Platzen der amerikanischen Immobilienblase geschrieben – seit der Gründung ihres Hausstandes vom kleinen Reihenhäuschen über mehrere Immobilienkäufe und –verkäufe einschließlich der entsprechenden Umzüge zu einer veritablen Villa in allerbester Lage emporspekuliert haben, wohnt er immer noch in dem Haus, das er vor der Geburt seines Sohnes gekauft hatte.

Eben dieser Sohn ist nun allerdings dabei, das Familienunternehmen, eine ehemals florierende Landschaftsgärtnerei, in den Ruin zu treiben. Obwohl er selbst das Unternehmen schon von seinem Vater übernommen hatte, macht Jerry keine Anstalten, hier helfend einzugreifen. Auch die übrige Verwandtschaft wird von Jerry vorrangig daraufhin taxiert, wie er sich von ihren Problemen fernhalten kann. Sein Vater lebt in einem Altenheim, erwartet regelmäßige Besuche und will am liebsten dort wieder ausziehen. Seine Tochter Theresa erkrankt an Krebs. Und die Erinnerung an seine koreanische Frau Daisy, die nach langer, die Familie belastender manisch-depressiver Erkrankung auf nie ganz geklärte Weise zu Tode gekommen ist, will sich auch nach vielen Jahren nicht verflüchtigen.

So nutzt Jerry jede sich bietende Gelegenheit, um dem Treiben in seinem Haus, in seiner Familie, überhaupt auf der Erde zu entfliehen – eine stabile Schönwetterlage ist allerdings Voraussetzung, von riskanten Schlechtwetterflügen hält er nichts. Aber selbst wenn er gerade physisch mal anwesend ist, haben seine Mitmenschen zunehmend den Eindruck, dass ihm alles, was sie an ihn heranzutragen versuchen, herzlich gleichgültig ist.

Wie sich dann zum Schluss doch alles irgendwie fügt, davon erzählt dieser trotz aller geschilderten Schicksalsschläge nicht niederdrückende Roman. Dass es dabei ein bisschen zu glatt dahergeht, haben die ersten deutschen Rezensenten im Erscheinungsjahr (z.B. Rose-Maria Gropp in der FAZ vom 06.10.2004) moniert. Vor allem die als »Schmelztiegel-Romantik« eingeschätzte Umgangsweise mit den verschiedenen Nationalitäten, die her aufeinandertreffen, gab Anlass für kritische Bemerkungen. Schließlich hat der Autor, der selbst als Dreijähriger mit seinen Eltern aus Korea nach New York gekommen war, die in den USA weit verbreiteten Hochschulkurse in »Creative Writing« durchlaufen und unterrichtet inzwischen selbst das Handwerk des Schreibens an der Princeton University.

Den routinierten Umgang mit dem schriftstellerischen Handwerkszeug beherrscht Chang-rae Lee zweifelsohne. Auch der Leser der deutschen Übersetzung kann sich ein Bild von der kunstvollen Verwendung einer Sprache machen, die nie – auch nicht in den allertragischsten Momenten – gänzlich frei von Ironie ist. Aber diese feine Ironie schlägt auch niemals in tösenden Klamauk um, sondern erscheint als der manchmal hilflose Versuch der Distanzierung oder auch als ein Ausdruck von Galgenhumor, der dann wirklich der letzte Ausweg aus eigentlich auswegloser Situation ist.

Auf deutsche Leser wirkt der Roman ungeheuer amerikanisch. Und ganz gewiss hat es auch der deutsche Verlag auf amerikanophile Leser als Kundengruppe abgesehen. Was gehört auf den Schutzumschlag eines Buches, das auf diese Lesergruppe zielt? Natürlich ein amerikanischer Wagen und ein amerikanischer Briefkasten. Die Taschenbuchausgabe zeigt dann die Abbildung eines – für mein Empfinden etwas zu groß geratenen – amerikanischen Eigenheims samt unendlicher Rasenfläche nebst Wassersprenger. Hier wird von Seiten der Verleger tatsächlich mit (europäischen) Amerika-Klischees gespielt, was man dem Autor in dieser Weise nicht vorwerfen kann. Chang-rae Lee beschreibt auf unterhaltsame, aber nicht stereotype Weise ein Lebensgefühl, das sich ganz sicher nicht nur im Land der unbegrenzten Möglichkeiten vorstellen lässt.

  

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Natalia Ginzburg: Familienlexikon 

im italienischen Original (»Lessico famigliare«) erstmals erschienen 1963 (Einaudi/Turin)

in deutscher Übersetzung (Alice Vollenweider) unter dem Titel »Mein Familien-Lexikon« ab 1965 mehrfach in verschiedenen Verlagen erschienen

in überarbeiteter Übersetzung (wiederum Alice Vollenweider), jetzt unter dem Titel »Familienlexikon«, erstmals erschienen 1993 (Wagenbach/Berlin), zuletzt neu aufgelegt 2009 

»Das Private ist politisch« – mit diesem Slogan machte die Frauenbewegung der späten 60-er Jahre darauf aufmerksam, dass viele der Strukturen, die im öffentlichen Raum als nicht mehr erträglich empfunden wurden, ihre Parallelen, wenn nicht sogar ihren Ursprung im privaten Raum haben. Wer eine belletristische Illustration dieser These sucht, wird in der Weltliteratur vielfach fündig. Aber nur wenige Autorinnen und Autoren verstehen es, ihre Beobachtungen zu diesem konfliktbeladenen Thema so überzeugend und zugleich so unterhaltsam zu präsentieren wie Natalia Ginzburg in ihrem »Familienlexikon«.

Berichtet wird über die Zeit zwischen etwa 1920 und 1952, zunächst im großbürgerlichen Haus des Anatomieprofessors Giuseppe Levi, des Vaters der Autorin. Er lebt mit seiner Familie, zu der außer der Ehefrau und Mutter Lidia, der Großmutter Emma und natürlich der Autorin Natalia (geboren 1916 in Palermo) noch vier ältere Geschwister gehören. Die Familie lebt in Turin, dem Ort, der gerade in dieser Zeit zum Treffpunkt der intellektuellen Elite Italiens wurde. Die Zeit ist reich an politischen Umbrüchen. Aber nicht diese äußeren Ereignisse, sind – obwohl sie in der Berichterstattung keineswegs unterschlagen werden – das Wesentliche des Buches, sondern die Ereignisse innerhalb des Hauses Levi und insbesondere die Art, wie die Mitglieder der Familie miteinander umgehen. Der Vater geriert sich als strenger Patriarch; jeder, der seinen Vorstellungen nicht entspricht, muss lautstarke Kritik fürchten.

»Wir lebten zu Hause immer unter dem Alpdruck der Wutausbrüche meines Vaters, die plötzlich und häufig bei geringfügigen Anlässen auftraten, wegen eines Paars Schuhe, das er nicht fand, wegen eines Buches, das nicht an seinem Ort stand, wegen einer ausgebrannten Lampe, wegen einer kleinen Verspätung beim Essen oder einer verkochten Speise.«

Der Vater bedient sich bei solchen Gelegenheiten wiederkehrender Floskeln. Jeder unangenehme Besucher und bei Bedarf auch gern die eigenen Kinder werden als »Simpel« tituliert. Eine unpassende Gebärde oder Handlung ist ihm eine »Negerei«; auf den von ihm – und offenbar nur von ihm! – geliebten Bergwanderungen sind nur die von ihm für richtig befundenen Speisen erlaubt: Käse, Birnen, hartgekochte Eier. Alles andere ist »Negerzeug«. Und so wie sich der Vater durch den Gebrauch spezieller Worte und Sätze auszeichnet, gehören auch zu jedem anderen Familienmitglied bestimmte Formulierungen, an denen sich die Mitglieder auch bei völliger Dunkelheit, an jedem Ort der Erde und zu jeder Zeit erkennen würden. Um sich selbst zu trösten, murmelt Lidia in schwierigen Situationen: »O du arme Lidia!« Wann immer ein Stück Käse auf den Tisch kommt, versichert sie sich und allen anderen: »Wie gut mir der Käse schmeckt!« Und jedes Mal antwortet der Vater Levi: »Wie monoton du bist!« Es sind diese und ähnliche Worte und Sätze, die in ihrer Summe das Familienlexikon der Levis bilden.

Die Zeit des Faschismus bringt für die Familie Levi einige Zerreißproben mit sich; sowohl der Vater als auch die Brüder schließen sich dem antifaschistischen Widerstand an und verbringen einige Monate im Gefängnis. 1938 heiratet Natalia den aus der Ukraine stammenden Schriftsteller und Journalisten Leone Ginzburg, der wegen der Zugehörigkeit zu antifaschistischen Gruppierungen bereits mehrmals inhaftiert worden war. Mit ihm und schon zwei gemeinsamen Kindern zieht sie 1940 ins sog. Confino, eine Art landesinterne Verbannung, in die Abruzzen. Dort schreibt sie ihren ersten Roman (»Die Straße in die Stadt«), der unter dem Pseudonym Alessandra Tornimparte im Verlagshaus Einaudi, Turin verlegt wird.

Nach der alliierten Invasion Siziliens (Juli 1943) fühlt Leone Ginzburg sich sicher genug, um nach Rom zu gehen und seine politische Untergrundarbeit dort fortzusetzen, wird aber von der Gestapo verhaftet, gefoltert und ermordet. Auch dieses traurige Kapitel spart Natalia Ginzburg in ihrem Buch nicht aus. Sie schildert den Tod ihres Mannes mit Worten, die man sich knapper und dürrer kaum vorstellen kann: »In Rom angekommen atmete ich erleichtert auf und glaubte, nun würde für uns eine glückliche Zeit beginnen. Nicht vieles wies darauf hin, aber ich glaubte es. Wir hatten eine Wohnung in der Nähe der Piazza Bologna. Leone gab eine Untergrundzeitung heraus und war immer außerhalb des Hauses. Zwanzig Tage nach unserer Ankunft wurde er verhaftet, und ich sah ihn nie wieder.« Sie entscheidet sich nach unruhigen zwei Jahren, in denen sie mit den inzwischen drei Kindern mehrfach den Wohnort wechselt, wieder nach Turin zu ziehen.

Dort nimmt sie eine Arbeit als Lektorin und Übersetzerin im Verlagshaus Einaudi an. Sie lernt den Anglistikprofessor Gabriele Baldini kennen, den sie 1950 heiratet und dem sie 1952 nach Rom folgt. Auch diese Begebenheit wird in denkbar kargen Worten vermeldet. »Ich hatte wieder geheiratet, und mein Mann unterrichtete in Rom; wir suchten eine Wohnung, und ich wollte bald die Kinder mitbringen, so dass wir uns für immer in Rom einrichten konnten.«

Damit ist die Zeitspanne, die das »Familienlexikon« umfasst, abgedeckt. In ihren eigenen Nachbemerkungen schreibt die Autorin, dass Orte Personen und Ereignisse des Buches der Wirklichkeit entsprechen und dass jeder Versuch, romanhafte Erfindungen an die Stelle wirklicher Erinnerungen zu setzen, sofort das Bedürfnis ausgelöst hätte, das Erfundene wieder zu streichen.

Was also ist das Kunstvolle und trotz aller geschilderten Schicksalsschläge Erheiternde an einem Bericht, der so karg und schmucklos daherkommt? Das Buch ist 1963 ganz sicher nicht nur wegen seiner zeitgeschichtlichen, sondern auch wegen seiner literarischen Bedeutung mit dem Premio Strega, dem wichtigsten italienischen Literaturpreis, ausgezeichnet worden.

Waren zuvor gerade in Italien Texte vorrangig daraufhin geschrieben worden, dass die Gewichtigkeit ihres Inhalts durch poetisches Ornament und sprachliches Pathos unterstrichen wurde, beschreitet Natalia Ginzburg gerade den umgekehrten Weg. Die ungeheuerlichsten Vorgänge gewinnen in der Wahrnehmung des Lesers gerade dadurch an Gewicht, dass über sie in dürren Worten und ohne jede interpretatorische Aufdringlichkeit berichtet wird. Die Autorin steht mit diesem bedeutendsten ihrer Werke, aber auch mit den anderen, immer vom persönlichen Erleben geprägten Romanen am Beginn einer neuen literarischen Tradition.